08.01.2020 Bericht

Gesprächsforum Politische Bildung und Polizei

Tagungsbericht zum Gesprächsforum Politische Bildung und Polizei zum Thema Polizei und historisch-politische Bildungsarbeit an Geschichtsorten und Gedenkstätten.

Vom 28. bis 29. November 2019 fand an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme das Gesprächsforum „Politische Bildung und Polizei“ zum Thema „Polizei und historisch-politische Bildungsarbeit an Geschichtsorten und Gedenkstätten“ statt. Bei dem Forum handelt es sich um ein Tagungsformat, das im Rahmen des von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten und der Deutschen Hochschule der Polizei sowie der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW durchgeführten Modellprojekts „Politische Bildung und Polizei“ zusammen mit wechselnden Partner*innen angeboten wird.

Die Kooperationstagung mit und bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stellte diesbezüglich zugleich die Auftaktveranstaltung dar. Auf dem Forum tauschten sich ca. 75 Angehörige von Bildungseinrichtungen, Behörden und Organisationen der Polizei, Wissenschaft und Zivilgesellschaft dazu aus, mit welchen Kooperationsformen, Formaten oder methodisch-didaktischen Lösungen historisch-politische Bildung an Geschichtsorten und Gedenkstätten für die und mit der Polizei gelingen kann.

In seinem Grußwort betonte Prof. Dr. Detlef Garbe, der Leiter der Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, gleich zum Auftakt der Tagung die grundsätzliche Bedeutung polizeilicher Bildung an historischen Orten. Hieran angelehnt zeigte der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Oliver von Wrochem, auf, welche Angebote die Gedenkstätte für die Zielgruppe der Polizei konkret vorhält und ausbaut. Ein besonderer Schwerpunkt liege diesbezüglich auf dem Projekt „NS-Geschichte, Institutionen, Menschenrechte“, mit welchem Bildungsbausteine zu Polizei, Justiz, Verwaltung und Militär während des Nationalsozialismus sowie zu aktuellen Menschenrechtsfragen bereitgestellt würden. Zentral seien dabei der Berufsweltbezug sowie die Diskussion aktueller Herausforderungen der Gegenwart vor dem Hintergrund geschichtlicher Entwicklungen.

Der Vortrag bildete gleichsam die Brücke für einen begleiteten Rundgang über das Gelände und durch die Ausstellung der Gedenkstätte. Dabei informierten sich die Teilnehmer*innen des Forums in Kleingruppen vor dem Hintergrund der Geschichte des Ortes als Konzentrationslager, Justizvollzugsanstalt und Gedenkstätte über polizeirelevante pädagogische Angebote und Konzepte.

Nachfolgend erläuterten Peter Römer vom Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster und Christoph Riederer von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW, wie historisch-politische Bildung für die Polizei in der Bildungspraxis umgesetzt werden kann. Um die Verstrickungen der Polizei im so genannten Dritten Reich mit dem Herrschaftssystem des Nationalsozialismus und dessen Verbrechen nicht lediglich auf einer abstrakten Ebene zu behandeln, sei es wichtig, den Opfern sowie den Tätern der Gewaltherrschaft ein Gesicht zu geben. Dies könne etwa dadurch gewährleistet werden, indem sich Polizist*innen mittels des forschenden Lernens anhand historischer Quellen einzelne Biographien unterschiedlicher Akteure der damaligen Zeit erschließen, um hieraus gegenwartsbezogene Schlussfolgerungen für die eigene Rolle und das persönliche Handeln in Staat und Gesellschaft ziehen zu können – auch jenseits ihrer Funktion als Vertreter*innen des staatlichen Gewaltmonopols. Damit stehe nicht unmittelbar „die“ Polizei als Lernsubjekt im Mittelpunkt. Vielmehr gehe es um die Initiierung individueller Lernprozesse im Sinne der Stärkung mündiger Bürger*innen, welche diese Rolle ohne und letztlich auch in Polizeiuniform wahrnehmen können.

Sonja Rosenstiel von der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam legte den zentralen Fokus ihres Beitrags auf die DDR-Geschichte und eine thematisch diesbezüglich ausgerichtete Gedenkstättenarbeit für die Polizei. Sie stellte heraus, dass die Geschichte der Volkspolizei nicht losgelöst von der Geschichte des Staatssicherheitsdienstes der DDR betrachtet und verstanden werden könne, wenngleich Methoden, Strukturen und Befugnisse beider Organe voneinander zu unterscheiden seien. Frau Rosenstiel diskutierte vor diesem Hintergrund erste konzeptionelle Überlegungen für mögliche polizeispezifische Bildungsangebote der Gedenkstätte.

Am zweiten Tag des Gesprächsforums wurden verschiedene Aspekte des Themenkomplexes einer polizeibezogenen Bildungsarbeit an Geschichtsorten und Gedenkstätten innerhalb von drei parallel stattfindenden Workshops behandelt. Im ersten Workshop, welcher von Britta Schellenberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München moderiert wurde, ging es um Fragen strategischer Partnerschaften zwischen Geschichtsorten und Gedenkstätten sowie polizeilichen Bildungsträgern. Hier diskutierten Heike Langguth von den Bildungseinrichtungen der Thüringer Polizei und Holger Obbarius von der Gedenkstätte Buchenwald vor dem Hintergrund der Zusammenarbeit ihrer beiden Einrichtungen mit den Teilnehmenden über Herausforderungen, Voraussetzungen, Kooperationsmotive und -ziele entsprechender Partnerschaften.

Innerhalb des Workshops zu Exkursionen und Studienfahrten erläuterte Bernhard Frevel von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in Form eines Impulsreferats zunächst zentrale Eckpfeiler der Exkursionsdidaktik, bevor Hans-Christian Jasch von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz auf dieser Grundlage die Bildungsarbeit seines Hauses für die Zielgruppe Polizei anhand spezifischer Angebote darstellte. In der anschließenden, von Martin Becher vom Bayerischen Bündnis für Toleranz moderierten, Diskussion tauschten sich die Anwesenden insbesondere über mögliche Inhalte, Konzepte, Erwartungen der Zielgruppe sowie Fragen der Organisation und Integration von Exkursionen in den Ausbildungsalltag aus.

Der dritte Workshop beschäftigte sich schließlich mit dem Forschenden Lernen als Format historisch-politischer Bildung. Kristin Pfeffer von der Akademie der Polizei Hamburg sowie Susann Lewerenz von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stellten einleitend anhand von Praxisbeispielen Möglichkeiten und Grenzen der Einbindung der Methode in den Kontext der polizeilichen Bildungsarbeit dar. Sie erörterten mit den Teilnehmer*innen Fragen der Kompetenzentwicklung, Themen- und Quellenfindung und sprachen über Qualifikationsanforderungen an Lehrende, die Bedarfslagen der Zielgruppe oder die Abbildung des Formats in polizeilichen Bildungsplänen. Moderiert wurde der Workshop von Christoph Kopke von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Nachdem die Ergebnisse der drei Workshops vor dem gesamten Plenum präsentiert worden waren, bekamen Wolfgang Kopitzsch, Polizeipräsident der Freien und Hansestadt Hamburg a.D., und Simone Rafael von Amadeu Antonio Stiftung das Wort für zwei abschließende Tagungskommentare. Darin betonten beide vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Expertisen zusammenfassend nochmals die Relevanz historisch-politischer Bildung für die Polizei. Nach den Workshops und den Tagungskommentaren hatten die Anwesenden die Gelegenheit, an einer geführten Exkursion in das Stadthaus an der Stadthausbrücke (heute „Stadthöfe“) teilzunehmen. Dort hatte bis Juli 1943 das Hamburger Polizeipräsidium seinen Sitz.

Insgesamt wurde während der eineinhalb Tage des Gesprächsforums deutlich, dass Polizist*innen angesichts ihrer besonderen Verantwortung für den Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in ihrer Aus- und Fortbildung in besonderem Maße für die Gefahren menschen- und demokratiefeindlicher Denkmuster und Ideologien zu sensibilisieren sind. Hierzu können Angebote der politischen Bildung an historischen Orten ihren spezifischen Beitrag leisten.

 

Für die Veranstalter:

Prof. Bernhard Frevel, Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW
Philipp Kuschewski, Deutsche Hochschule der Polizei
Dr. Oliver von Wrochem, KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Susann Lewerenz, KZ-Gedenkstätte Neuengamme